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Die gequälte Seele – Wenn Logik und Theologie gemeinsam den Raum verlassen

Debatte um Einschlaeferungsmethode Tierarzt Oering

In seiner Stellungnahme zur Tier­euthanasie zitiert Dr. Matthias Warzecha den mittelalterlichen „Hexenhammer“ – ein Werk, das Folter rechtfertigte und Reinkarnation ablehnte. Unser Kommentar fragt: Wie konnte daraus ein Argument für Tierseelen werden?

Wie Warzecha in die Kritik geriet

Der Tierarzt Dr. Matthias Warzecha aus Oering geriet im 2025 in die Kritik, nachdem mehrere Zeitungen – darunter die Kieler Nachrichten, Hamburger Abendblatt, Lübecker Nachrichten – über seine umstrittene Euthanasie-Praxis berichteten.
Laut der Tierärztekammer Schleswig-Holstein habe Warzecha gegen geltende Richtlinien verstoßen, indem er Kleintiere – insbesondere Katzen – teils ohne vorherige Narkose einschläferte.
Er selbst sprach von einer „Verleumdungskampagne“ und veröffentlichte auf seiner Praxiswebseite eine umfangreiche Stellungnahme, in der er sein Vorgehen rechtfertigte – nicht medizinisch, sondern spirituell.

Stellungnahme Dr. Warzecha, Oering

Zwischen berufsethischer Verteidigung und metaphysischem Manifest erklärt Warzecha dort, das „friedliche Sterben“ sei eine seelische Aufgabe.

In seiner Stellungnahme zur Kritik an seiner Euthanasie-Praxis hat der Tierarzt Dr. Matthias Warzecha aus Oering nicht nur über Medikamente, Sedierung oder Dosierung gesprochen – sondern über Gott, Seelen und die Inquisition.
Es ist ein Text, der von einem Veterinär stammen mag, aber klingt, als wolle er die Kirchengeschichte umschreiben.

Dr. Warzecha schreibt wörtlich:

„Noch ein paar sortierende Gedanken zu den Seelen:
Die katholische Kirche hat bis ins 18. Jahrhundert hinein, weise, spirituelle und naturheilkundlich arbeitende Frauen unterdrückt und verfolgt. Wir alle wissen von diesen abgründigen Bosheiten aus der Zeit der Inquisition. Auch Martin Luther sprach nicht nur hässlich über die Juden sondern auch über ‚Hexen‘.
Die katholische Kirche jedoch entwickelte ausgeklügelte und unvorstellbar grausame Foltermethoden, um die Seelen der zu Tode Gefolterten über viele Inkarnationen möglichst intensiv zu traumatisieren und an einer Wiederaufnahme ihrer liebenden und segenvollen Arbeit für die Menschheit zu hindern. Die Folterer haben diese Methoden im so genannten ‚Hexenhammer‘ sorgfältig aufgeschrieben. Dieses Buch ist heute noch erhältlich.
Aus zwei Gründen schreibe ich dies auf: Für Leser, die an dem Vorhandensein von Seelen zweifeln, ist dies ein schwerwiegender Hinweis auf ihre Existenz. Warum sonst sollten sich so viele Priester und ihre Helfer in so vielen Ländern über mehrere Jahrhunderte so viel Mühe geben, Seelen zu traumatisieren, wenn es diese nicht gäbe?
Und zweitens bestärkt uns das Wissen um diese Zusammenhänge darin, unseren bzw. der Schamanin Petras Leitsatz nie zu vergessen und weiter zu tragen:
‚Eines der wichtigsten Dinge im Leben ist das friedliche Sterben‘.“
(Nach eigenen Angaben: Stellungnahme Dr. Matthias Warzecha, Juli 2025, www.Kleintierpraxis-Oering.de mittlerweile offline)

Das ist keine beiläufige Metapher.
Das ist eine Argumentation.
Und sie folgt einer inneren Logik, die man so zusammenfassen kann:
Die Kirche hat Seelen über viele Leben hinweg gefoltert, also gibt es Seelen – und deshalb sollten wir heute für ein friedliches Sterben sorgen.


Der Denkweg im Text – und warum er nicht aufgeht

Zunächst nimmt Warzecha eine historische Tatsache: die Verfolgung und Ermordung sogenannter Hexen durch die katholische Kirche.
Daraus konstruiert er, dass die Kirche bewusst Seelen traumatisieren wollte – nicht Menschen, sondern ihre seelische Substanz über mehrere Inkarnationen hinweg.
Und weil, so seine Überlegung, niemand etwas quälen würde, das gar nicht existiert, müsse die Seele real sein.

Das ist eine beeindruckend geschlossene Rhetorik – und zugleich ein beeindruckend falscher Schluss.
Denn: Der Wunsch oder Glaube, etwas zu quälen, ist kein Beweis dafür, dass es existiert.
Die Inquisition wollte auch „Dämonen austreiben“ – daraus folgt nicht, dass es Dämonen gibt.
Der Glaube an ein Feindbild schafft keine Realität, er schafft nur Verfolgung.


Der „Hexenhammer“ – und was er wirklich ist

Der Malleus Maleficarum („Hexenhammer“) von 1487, auf den Warzecha sich bezieht, war ein Handbuch zur Hexenverfolgung, verfasst von zwei Dominikanermönchen, Heinrich Kramer und Jakob Sprenger.
Es ist eines der brutalsten Dokumente kirchlicher Machtgeschichte.
Aber es war kein Werk über Seelenheil oder Reinkarnation, sondern über Schuld, Angst und Strafe.

Darin heißt es:

„Hexerei ist ein Irrglaube, durch den Menschen den rechten Glauben verlassen und den Dämon anstatt Gott anrufen. […]
Darum sind sie vom Glauben abgefallen und müssen dem Tod überliefert werden.“
(Malleus Maleficarum, Teil I, Frage 2; Übers. W. Behringer, Reclam 2000*)

Dieser Text fordert die Vernichtung jeder Vorstellung von Wiedergeburt, Naturreligion oder weiblicher Heilkunst.
Er wurde benutzt, um Menschen zu foltern und zu töten, die an genau das glaubten, was Warzecha heute spirituell zitiert: die Wiederkehr der Seele, Heilung durch Natur, das „friedliche Sterben“.

Das ist der doppelte Widersinn seiner Argumentation:
Er ruft das Symbol der Unterdrückung auf, um das Gegenteil zu beweisen – als könne man im Feuer der Scheiterhaufen das Licht der Reinkarnation erkennen.


Was man „nicht traumatisieren“ kann

Warzecha spricht von „Seelen, die über viele Inkarnationen hinweg traumatisiert wurden“.
Aber in der katholischen Lehre gibt es keine Inkarnationen.
Die Seele ist unsterblich, ja, aber sie lebt einmal – und danach steht sie im Gericht.
Sie kann sündigen, aber nicht traumatisiert werden.
Die Vorstellung, dass seelisches Leid sich über mehrere Leben überträgt, stammt aus östlichen und esoterischen Weltbildern – aus dem Hinduismus, dem Buddhismus, aus Theosophie und Schamanismus.

In diesen Lehren kann eine Seele tatsächlich „verwundet“ werden, weil sie in aufeinanderfolgenden Leben Erfahrungen trägt.

Die Begründung der Warzecha-Relgion?

Doch Warzecha schreibt ausdrücklich über die katholische Kirche – jene Institution, die genau diesen Gedanken als Ketzerei verfolgte.
Er verwendet also das Vokabular der Esoterik, kleidet es in kirchliche Begriffe und nennt als Quelle das Handbuch ihrer eigenen Verfolgung.


Warum das mehr als ein logischer Fehler ist

Warzechas Text versucht, das Grauen der Inquisition in einen spirituellen Beweis umzuwandeln:
Weil es Seelen gab, wurden sie verfolgt – und weil sie verfolgt wurden, sollen sie heute in Frieden sterben.
Aber diese Argumentationskette ist in sich zirkulär: Sie setzt voraus, was sie zu beweisen vorgibt.
Sie beweist nicht die Existenz der Seele, sondern nur den Glauben an sie – und das Leiden, das dieser Glaube verursachte.

Man kann Mitgefühl nicht auf Folter gründen.
Und man kann eine tierärztliche Praxis nicht mit einem kirchlichen Scheiterhaufen erklären.
Zwischen einem Narkosemittel und dem Hexenhammer liegt kein spiritueller Zusammenhang, sondern ein gedanklicher Kurzschluss.


Zwischen Mystik und Medizin

Warzechas Stellungnahme liest sich, als wolle sie zwei Dinge zugleich tun:
die eigene Arbeit seelisch überhöhen – und die Kritik an ihr moralisch entwaffnen.
Denn wer das Einschläfern von Tieren als Teil eines „friedlichen, seelischen Übergangs“ versteht, macht aus einer umstrittenen Methode einen ethischen Auftrag.

Doch diese rhetorische Transzendenz ist gefährlich.
Sie ersetzt Debatte durch Glauben, Empirie durch Empathie und Ethik durch Esoterik.
Der Hexenhammer wird zum Gleichnis, das nicht aufklärt, sondern verklärt.


Kritik an seiner Euthanasie-Praxis umdeklariert

Es ist menschlich, im Tod einen Sinn zu suchen.
Doch wenn man dafür Folterbücher zitiert, ist etwas schiefgelaufen.
Die Inquisition beweist nicht, dass es Seelen gibt,
so wie der Verbrennungsofen kein Argument für Wärme ist.

Warzechas Stellungnahme will Trost spenden, doch sie verheddert sich in ihrem eigenen Symbolismus.
Sie zeigt nicht die Wahrheit über Seelen, sondern die Verzweiflung über die Grenzen der Vernunft.

Christentum, Islam und Hinduismus machen den Glauben an die unsterbliche Seele zum Fundament ihres Weltbilds. Warzechas Aussage – „Diese plötzlich dem Leben entrissenen Seelen irrten überrascht und planlos umher und haben oft nicht einmal gemerkt, dass sie gestorben sind.“ – ist daher nicht nur theologisch abenteuerlich, sondern zeigt, dass er seine Praxis weniger an wissenschaftlicher Erkenntnis als an persönlichen Glaubensmustern ausrichtet.

Und das beweist eines:
Wer Religion, Reinkarnation und Tiermedizin vermischt, verlässt den Boden der Wissenschaft – und betreibt Alchemie, die Tier und Halter auf unterschiedliche Weise leiden lässt.


korrekte euthanasiemethoden bei haustieren

Wie läuft eine korrekte Euthanasie wirklich ab?

Ein friedlicher Tod ist kein Zufall, sondern das Ergebnis korrekter tierärztlicher Praxis.
Vor jeder Euthanasie steht eine tiefe Sedierung – erst wenn das Tier bewusstlos ist, darf das tödliche Mittel gegeben werden.
Nur so ist sichergestellt, dass kein Schmerz, keine Angst und kein Leiden mehr empfunden wird.